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IBB stärkt Tschernobyl-Verbände in der Ostukraine

Mit Unterstützung durch das Auswärtige Amt setzt das IBB derzeit ein Projekt zur Stärkung des Selbsthilfepotentials von Tschernobyl-Verbänden in der Ostukraine um. Damit will das IBB der Gefahr entgegen wirken, dass die Lebensleistung Tschernobyl-Liquidatoren angesichts der aktuellen Kriegshandlungen in der Ukraine vergessen wird und die Tschernobyl-Betroffenen mit ihren gesundheitlichen und sozialen Problemen alleine gelassen werden.

Die gewaltsame Eskalation des Ukraine-Konflikts hält die Weltöffentlichkeit seit Monaten in Atem. Allerdings gibt es in Deutschland nur wenige Informationen dazu, wie sich die kriegerischen Auseinandersetzungen konkret auf das Leben der Menschen in der Ukraine ausüben. Das IBB kooperiert bereits seit Jahren mit Tschernobyl-Verbänden in der gesamten Ukraine, darunter auch in Charkiw, Dnipropetrowsk und Luhansk. Dadurch erfährt es  aus erster Hand, was der gegenwärtige Krieg für die Menschen bedeutet, die als Folge der Tschernobyl-Katastrophe ihre Gesundheit und ihre Heimat verloren haben.

 

Anlaufstelle für Flüchtlinge

Seit 2012 betreibt das IBB mit lokalen Partnern in Charkiw die Geschichtswerkstatt Tschernobyl. Gemeinsam wurde ein aktiver Freiwilligendienst aufgebaut, der den Tschernobyl-Betroffenen Rechtsberatung und soziale Unterstützung bietet sowie gemeinsam mit ihnen eine aktive erinnerungspädagogische Arbeit entwickelt, um jungen Menschen ein zukunftsorientiertes Lernen aus der Tschernobyl-Katastrophe zu ermöglichen. Im Sommer 2014 wurde die Geschichtswerkstatt jedoch zur Anlaufstelle für Kriegsflüchtlinge aus Donezk und Luhansk. Denn alleine über 4.000 Tschernobyl-Betroffene sind aus den Kriegsregionen nach Charkiw geflohen. Hiervon sind etwa 1.500 als Behinderte anerkannt. Die Geschichtswerkstatt leistet ihnen Hilfe bei der Suche nach Unterkünften, der Beantragung ihrer Sozialrenten am neuen Wohnort sowie bei der Organisation medizinischer Betreuung.

 

Gefährdete medizinische Versorgung

Aber auch alle anderen Tschernobyl-Betroffenen bekommen die Kriegsfolgen direkt zu spüren. Dies gilt insbesondere für die Tschernobyl-Liquidatoren, die nach Tschernobyl unmittelbar am zerstörten Reaktor und in der Sperrzone eingesetzt waren. Hiervon leben derzeit noch etwa 250.000 in der Ukraine, davon etwa 15.000 in Charkiw. Angesichts der zahlreichen Kriegstoten und Kriegsverletzten sind in der Ukraine jedoch die Medikamente knapp geworden. Zudem haben sich die Warteschlangen für Operationen und Prothesen verlängert. Da die bei den Kriegshandlungen Verletzten vorrangig behandelt werden, werden die Tschernobyl-Liquidatoren häufig mit ihren Problemen allein gelassen. Ebenso droht ihre Lebensleistung, durch ihren selbstlosen Einsatz in Tschernobyl den radioaktiven Fallout eingedämmt zu haben, nun verdrängt zu werden. Denn für die ukrainische Gesellschaft werden die Mitglieder der Nationalgarde und der Freiwilligenbataillone zu neuen Helden, welche die nationale Unabhängigkeit gegen Russland verteidigen. „Die Ärzte sagen unseren Mitgliedern offen, dass sie sich zuerst um die jungen Kriegshelden kümmern müssen“, konstatierte der Vorsitzende des Dnipropetrowsker Tschernobyl-Verbands Oleg Geraschtschenko Mitte Oktober bitter im Gespräch mit IBB-Vertretern.

 

Aktive Hilfsstrategien

Vor diesem Hintergrund hat das IBB ein Projekt entwickelt, um das Selbsthilfepotential von Tschernobyl-Verbänden in der Ostukraine sowie ihre Dialog- und Kooperationsfähigkeit mit Behörden und anderen NROs zu stärken. Dank einer finanziellen Förderung durch das Auswärtige Amt erhalten die Tschernobyl-Verbände in Charkiw, Dnipropetrowsk und Luhansk derzeit die Möglichkeit, ihre Freiwilligendienste auszubauen. Im Rahmen von Trainings zu Mediation und Öffentlichkeitsarbeit können sie zudem neue Strategien entwickeln, wie sie ihren Anliegen bei den Behörden Gehör verschaffen und hierzu Verbündete unter anderen sozialen NROs finden. Zu den zentralen Problemen werden anschließend Runde Tische mit den Behörden durchgeführt.  Mit diesem Ansatz versucht IBB einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Probleme der Tschernobyl-Betroffenen von Staat und Gesellschaft weiterhin als wichtig wahrgenommen werden, ohne dass eine destruktive Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Betroffenengruppen entsteht. Denn oft haben Tschernobyl-Verbände und Behindertenorganisationen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

 

Wichtiger Erfahrungsaustausch

Doch auch für die neuen Kriegsveteranen können die Erfahrungen der Tschernobyl-Liquidatoren hilfreich sein. Denn häufig verfügen sie über keine Dokumente, die ihren Kriegseinsatz bestätigen, und müssen daher im Falle einer kriegsbedingten Behinderung o.ä. gegenüber dem Staat um Anerkennung, Rehabilitations- und Sozialleistungen kämpfen.  Damit wiederholen sie das Schicksal der Tschernobyl-Liquidatoren, die zumeist ebenfalls keine Unterlagen zu ihrem Einsatz oder zu ihrem genauen Einsatzort und der erhaltenen Strahlendosis erhielten. Die Geschichtswerkstatt Charkiw entwickelt derzeit daher auch Beratungsangebote für die neuen Kriegsveteranen. „Die aktuellen Ereignisse haben uns erneut eindringlich vor Augen geführt, wie wichtig eine aktive Erinnerungsarbeit ist, damit sich vergangene Ereignisse nicht in neuer Form wiederholen“, resümiert IBB-Projektleiterin Astrid Sahm.

Weitere Informationen über die Arbeit der Geschichtswerkstatt Charkiw finden Sie hier.

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