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Internationales Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund

Fachtag „Schwarz, weiß, bunt – so what?“ thematisiert Postkolonialismus und Rassismus im Alltagsleben

Fachtag „Schwarz, weiß, bunt – so what?“ thematisiert Postkolonialismus und Rassismus im Alltagsleben

Am Welttag der kulturellen Vielfalt am Freitag, 21. Mai 2021, begrüßte das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk e.V. in Dortmund mehr als  30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Fachtag „Schwarz, weiß, bunt – so what?“. Interessierte aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen trafen sich zum virtuellen Seminar im Rahmen des Projektes fokus4, das durch den Asyl-Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) der EU gefördert wird.

Gamze eröffnet den FAchtagBei der ersten von zwei Fachtagen standen die Fragen im Mittelpunkt, wo Alltagsrassismus seine Ursprünge hat und wie er auf Schwarze Deutsche und Angehörige in Deutschland lebender  afrikanischer oder afroamerikanischer Communities wirkt. Viele sind in der BIPoC -Bewegung organisiert und fordern Aufarbeitung und Verhaltensänderung. „ Ziele unseres Fachtages sind daher Aufklärung und Sensibilisierung für die Bildungsarbeit und die Erweiterung der Erinnerungskultur“, sagte Hildegard Azimi-Boedecker, Leiterin des Fachbereichs Beruf international und Migration im IBB e.V. bei der Begrüßung der Teilnehmenden und versprach Informationen für Kopf, Herz und Hand. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist unser Auftrag und Voraussetzung für gelingende Integration und Teilhabe.“

Zum Einstieg ins Thema zeigte sie eine Werbung für Ausbildungsberufe, die in den vergangenen Monaten auf Bussen in Nordrhein-Westfalen zu sehen war. Unter den sechs gezeichneten Personen, dies fiel den Teilnehmenden schnell auf, war nur eine männliche Person mit einem auch nur leicht angedeuteten Migrationshintergrund dargestellt, die für den Beruf des Mechatronikers warb. Die drei Frauen waren klischeehaft naiv und  in vermeintlich typischen Frauenberufen gezeichnet. Die einzige Person, die einen höher qualifizierten Beruf repräsentierte, war ein Mann mit weißer Hautfarbe.

Vortrag beim FachtagNicht verwunderlich – bestätigte  Serge Palasie, Fachpromotor für Flucht, Migration und Entwicklung beim Eine Welt Netz NRW. Der Afrikanist erläuterte mit Tafeln aus der Ausstellung „Sichert(e) sich auch unser Land einen Platz an der Sonne?“ den langen Schatten der Kolonialzeit, der bis in die Gegenwart reicht. Schon weit vor der Entdeckung Amerikas müsse es in Europa eine Vorstellung gegeben haben von Menschen, die nicht hellhäutig waren. So zeigte er die Darstellung des Heiligen Mauritius im Magdeburger Dom aus dem 13. Jahrhundert, die an dessen segensreiches Wirken im dritten Jahrhundert erinnert. „Ein defizitäres Bild von schwarzen Menschen existierte offenbar nicht.“ Rassismus sei erst mit der Erschließung des amerikanischen Kontinents entstanden.

Eine Reihe von Forts an der westafrikanischen Küste gebe Hinweise auf Sklavenhandel seit dem 15. Jahrhundert. Über den Atlantik sei zwischen Amerika, Europa und Afrika ein neuer Wirtschafts- und Handelsraum entstanden. Rohstoffe wie Eisen, Kupfer oder auch Waffen und Spirituosen wurden gegen Sklaven eingetauscht. Sklaven seien das erste Spekulationsobjekt gewesen, angegeben übrigens in Tonnage. Sklaven habe es auch früher in der Geschichte gegeben, sagte Palasie. Doch erst nach der Entdeckung Amerikas wurde die Dehumanisierung an die dunkle Hautfarbe gekoppelt.

Zwar sei die deutsche Kolonialzeit von 1884/85 bis 1918/19 im Vergleich zur britischen oder französischen relativ kurz gewesen. Doch die lange transatlantische Handelsgeschichte habe Spuren hinterlassen im Denken und Fühlen. In Deutschland werde das Thema häufig durch die Erinnerung an die NS-Zeit überlagert. Durch aktuelle Entwicklungen der Globalisierung, des Klimawandels und der Migration gebe es aktuell eine gewisse gesellschaftliche Offenheit für eine Beschäftigung mit dem Alltagsrassismus, die genutzt werden müsse. Diskussionen über Straßennamen, die an Kolonialverbrecher erinnern, über Raubkunst oder menschliche Überreste, die in Museen ausgestellt werden, seien Beispiele und zeigten gleichzeitig auch die Grenzen der Offenheit auf. Die wachsende Zahl nicht-weißer Menschen in Deutschland brauche eine neue Erinnerungskultur, die auch die koloniale Vergangenheit berücksichtigt. „Der Klimawandel, unter dem die Menschen im globalen Süden am meisten leiden, ist durch die Industrialisierung verursacht, die die Sklaven maßgeblich mit ermöglicht haben“, sagte Palasie.

Im zweiten Vortrag schilderte Helene Batemona-Abeke, Sozialarbeiterin und Diversity Trainerin vom Verein Pamoja Afrika e.V. in Köln, wie sie Rassismus im Alltag erlebt. Nicht nur, dass ihr deutscher Pass am Flughafen jedes Mal minutenlang kritisch gedreht und gegen das Licht gehalten werde. Auch in alltäglichen Situationen in der Bahn sehe sie sich dauerlächelnden Menschen gegenüber, die vermeintlich verständnisvoll lobend hervorheben, dass sie offenbar in der Lage war einen Fahrschein zu kaufen. In einem Medieninterview wurden andere hellhäutige Beteiligte intensiv befragt, während ihr nur die Frage nach ihrem Alter gestellt wurde. All dies seien keine Kleinigkeiten, schilderte die Sozialarbeiterin.

Die  herablassende und missachtende Haltung gegenüber dunkelhäutigen Menschen sei ein Akt der Gewalt. Dies führe zu einer ständig wiederholten Verletzung der Betroffenen, die das Selbstwertgefühl beschädigt und realistische Entwicklungschancen begrenzt.

Vortrag beim FachtagDie Ermordung des Afroamerikaners George Floyd habe weltweit in den afrikanischen Communitys Traumata geweckt. „Ich sehe in George Floyd meinen Bruder und meinen Vater“, schilderte die Referentin. Die Bilder – tausendfach geteilt in den sozialen Netzwerken – wirkten omnipräsent und massiv und weckten in vielen Todesängste. Sie appellierte deshalb auch an ihre Zuhörerinnen und Zuhörer, entsprechende Inhalte nicht aus falsch verstandener Solidarität zu teilen. „Jede und jeder sollte sich überlegen, wie diese Bilder auf andere Menschen wirken und sensibel mit dem Thema umgehen.“

Eine Diskussion entzündete sich an der Frage, welchen Beitrag wohlwollende Weiße leisten können oder sollen, wenn sie verletzende Situationen im Alltag beobachten. Einschreiten – und sich evtl. den Vorwurf einer paternalistische Bevormundung einhandeln? „Ich würde mir manches Mal schon wünschen, dass Menschen etwas sagen, wenn sie solche Szenen beobachten“, sagte Helene Batemona-Abeke. Gleichwohl sehe sie sich außerstande, immer wieder zu erklären, warum bestimmte Handlungsmuster verletzend und rassistisch wirken. Die immer wiederkehrende Beschäftigung mit dem Thema sei für Betroffene einfach sehr schmerzhaft und belastend. Gleichwohl könnten nicht von Rassismus Betroffene kaum nachvollziehen, wie sich die alltäglichen Kränkungen anfühlen und deshalb zumindest nicht aus der Betroffenen-Perspektive mitreden. Dies sei ein bisschen wie bei den Schmerzen einer Geburt, die auch nur jene kennen, die sie erlebt haben. Helene Batemona-Abeke setzt vielmehr auf das Awareness-Konzept, das  Einfühlungsvermögen und Empowerment vermitteln will.

Am Mittwoch, 6. Oktober 2021, folgt der zweite Fachtag zum Thema. Im pädagogisch-didaktischen Workshop wird das Thema mit Blick auf den Alltag in Bildungskontexten vertieft. Die Fachtage im Rahmen des Projektes fokus4 richten sich an Mitarbeitende in Kindertageseinrichtungen, Schulen, Jugend- und Sozialarbeit sowie alle Interessierten.

Die Teilnahme am Fachtag ist dank der Projektförderung kostenlos. Soweit er als Präsenzveranstaltung angeboten werden kann, ist ein Verpflegungskostenanteil in Höhe von 20 Euro zu entrichten.

Interessierte sollten sich schnell anmelden, denn die Teilnehmendenzahl ist auf 30 begrenzt. Formlose Anmeldung unter: fokus@ibb-d.de