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Internationales Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund

Nur ein Moment in der Biografie: Teilnehmende aus sechs Bundesländern werfen im Projekt netcoops einen anderen Blick auf Asylverfahren

Nur ein Moment in der Biografie: Teilnehmende aus sechs Bundesländern werfen im Projekt netcoops einen anderen Blick auf Asylverfahren

Was bewegt Menschen zur Flucht aus ihren Herkunftsländern? Mit welchen Hoffnungen steigen unbegleitete Jugendliche oder Schwangere – sogenannte „ Vulnerable“ – in überfüllte Schlauchboote? Und wie gelingt es Asylverfahrensbeteiligten in Dienststellen und Gerichten, die Kenntnis teilweise dramatischer Einzelschicksale in rechtstaatlichen Asylverfahren zu berücksichtigen?

Antworten auf Fragen wie diese vermitteln die Schulungen im Rahmen des auf zwei Jahre angelegten Projekts netcoops, das durch den Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der EU gefördert wird. 16 von durchschnittlich 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus sechs Bundesländern nahmen am vergangenen Mittwoch, 23. Juni 2021, online am Auftaktseminar teil. In acht weiteren Treffen – zwei davon sind als Präsenzseminare geplant – werden sie ihr Wissen über Fluchtursachen und Migrationsmotive vertiefen, Erfahrungen austauschen, rechtliche Kenntnisse erweitern und ihre interkulturellen und kommunikativen Kompetenzen verbessern.

Erfahrungsaustausch ohne lange Anreisezeiten

Container auf Lesvos mit der Aufschrift "The world is our home"

„The world is our home“ steht auf diesem Schild auf Lesvos.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiten täglich mit Asylsuchenden aus unterschiedlichen Ländern und kommen unter anderem aus Berlin, Kiel, Köln, Leipzig, Magdeburg, München, Münster und Essen: Sie entscheiden in Ausländerbehörden, Jugendämtern, Sozialämtern und Gerichten über die Zukunft der Zugewanderten, die teilweise schon viele Monate auf ihrem Weg in ein neues Leben sind. Und sie  begrüßten am Mittwoch einhellig das Angebot der Online-Schulungen, die eine Zusammenarbeit ohne lange Anreisezeiten ermöglichen.

Ob es um Fragen der Unterbringung von  männlichen Geflüchteten, allein reisenden Frauen oder minderjährigen Unbegleiteten geht, um die Prüfung des Asylbegehrens in der Ausländerbehörde oder um eine Klage gegen die Entscheidung. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer begegnen den Betroffenen in ihrem jeweiligen Fachgebiet und zu einem bestimmten Moment in der Biografie der Betroffenen.

„Schon in der Vorstellungsrunde wurde deutlich, dass sich alle Teilnehmenden neben den Fachimpulsen auch besonders einen kollegialen Austausch über die Grenzen ihrer jeweiligen Fachgebiete und Herkunftsregionen hinaus wünschen“, berichtete Hildegard Azimi-Boedecker, Leiterin des Fachbereichs Beruf international und Migration im IBB e.V., nach der Veranstaltung.

Zum Einstieg hatten Hildegard Azimi-Boedecker und IBB-Referentin Kirsten Ben Haddou globale Daten zu Flucht und Vertreibung sowie Push- und Pull-Faktoren zusammengestellt. Rund ein Prozent der Weltbevölkerung, knapp 80 Millionen Menschen, waren nach Informationen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) – Stand 2019 – auf der Flucht, 40 Prozent von ihnen Kinder. Die meisten Geflüchteten, rund 3,6 Millionen Menschen, hat die Türkei aufgenommen, Deutschland 1,1 Millionen.

Nur die wenigsten Flüchtenden schaffen es überhaupt bis Europa. So ist in Europa bisher kaum bekannt, dass viele Menschen aus ost- oder zentralafrikanischen Ländern  bereits bei der kraftzehrenden Durchquerung der Wüsten ums Leben kommen. Nach Schätzungen des UNHCR sterben mehr afrikanische Flüchtende schon auf dem Landweg zum Meer als bei der Überquerung des Mittelmeers, so Medienberichte.

Die Fluchtursachen – meist Krieg, oftmals (sexualisierte) Gewalt und Armut aber auch Verfolgung auf Grund der Zugehörigkeit zu religiösen oder ethnischen Gruppen oder einer bestimmten sexuellen  Orientierung – seien teilweise in vielfältiger Weise miteinander verwoben. Und was in der politischen Diskussion sachlich-analytisch als „Fluchtursache“ diskutiert werde, sei für die Betroffenen ein nicht mehr zu ertragender Leidensdruck.

„No one puts their children in a boat unless the water is safer than the land“

Die handgearbeitete Schale transportiert ein Zitat.

Foto: IBB e.V.

Zur Verdeutlichung zeigte Hildegard Azimi-Boedecker das Foto einer Schale, geflochten aus den Überresten von Seenot-Rettungswesten – eine Handarbeit, die auf der griechischen Erstaufnahmeinsel Lesvos zur Finanzierung der zivilgesellschaftlichen Flüchtlingshilfe angeboten wird: Die Schale trägt die Aufschrift „No one puts their children in a boat unless the water is safer than the land“ („Niemand setzt seine Kinder in ein Boot, es sei denn das Wasser ist sicherer als das Land.“) Dass das Boot oft eine trügerische Sicherheit  bietet, erfuhr das IBB Team auf Lesvos von Erstretterinnen und Erstrettern: Viele der von Schleppern verkauften Rettungswesten waren defekt, sodass  insbesondere Kinder auf der ganz kurzen Passage zwischen der Türkei und der griechischen Insel Lesvos einfach untergingen und vor den Augen der Eltern ertranken.

Lebensgefahr auf der Flucht

Die oft Monate oder sogar Jahre dauernde Flucht selbst sei oftmals lebensgefährlich, auch durch eine fehlende Gesundheitsversorgung auf den Fluchtrouten, durch Gewalt in den meist überfüllten Lagern oder durch Push-Backs oder andere Gewalterfahrungen an den Ländergrenzen. Die Corona-Pandemie habe die Situation der Flüchtenden zusätzlich verschlechtert. Zur Ansteckungsgefahr in den Lagern und Gruppenunterkünften komme die schlechtere Erreichbarkeit von zuständigen Behörden und Rechtsanwälten und die Diskriminierung Geflüchteter als potentielle „Spreader“ oftmals mit der Folge einer Abriegelung der Lager, was dann auch Wege zur zur Nahrungsmittelbeschaffung abschneidet. Die Zahl der in der EU gestellten Asylanträge sei nicht zuletzt unter dem Einfluss von Corona 2020 um rund ein Drittel gesunken gegenüber dem Vorjahr.

Unsicherheit und Angst prägen besondere Biografien

Flüchtende seien häufig aus der Mittel- oder Oberschicht. Doch Krieg- und Gewalterfahrungen in den Herkunftsländern und auf der Flucht, teilweise auch der Tod von nahen Familienmitgliedern und Freunden sowie lange Zeiten des „Stillstands“ in den Asylverfahren oder in den Transitländern prägten besondere Biografien mit besonderen Belastungen. Zu den mittel- bis langfristigen Fluchtfolgen zählen daher auch posttraumatische Belastungsstörungen, psychische oder somatische Erkrankungen und unterbrochene Bildungslaufbahnen. Selbst bei positiv verlaufendem Verfahren und Anerkennung oder Bleiberecht ist dann der Neustart für Geflüchtete äußerst schwierig.

Zur Auflockerung des intensiven Fachinputs hatten die Referentinnen Phasen der virtuellen Gruppenarbeit organisiert, in denen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über ihre jeweiligen Erfahrungen in der Arbeit mit Geflüchteten austauschen konnten.

Zweite Schulungsreihe für Anfang 2022 geplant Wie die Erfahrungen in den Herkunftsländern im Rahmen eines Asylverfahrens überprüft werden und welche Aufgabe den Verwaltungsgerichten zukommt, wird Thema der zweiten Schulung sein. In den dann folgenden Seminaren geht es unter anderem um die Themen Sucht und Flucht, vulnerable Gruppen, psychische Erkrankungen, die Rolle von Kultur und Religion in der Diaspora und Chancen einer Rückkehrberatung. Ein Update zur Situation in den Hauptherkunftsländern und die Frage  nach adäquater Kommunikation mit  den Geflüchteten im Verfahren runden die Reihe ab.  Jeweils einmal im Monat werden sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer treffen. Die beiden Präsenzseminare im November und Januar werden voraussichtlich jeweils in Dortmund gehalten.

Zwischen den einzelnen Seminaren werden in der moodle-Plattform Begleittexte veröffentlicht. Und am Ende der Seminarreihe werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 10. Februar 2021 zu einem Multiple-Choice-Test eingeladen, um ihr Teilnahmezertifikat zu erwerben.

Mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigten auch bereits Interesse am ersten der vier europäischen Kooperationstreffen mit Partnerbehörden in südeuropäischen Ländern, das im Rahmen des netcoops-Moduls 2 für Anfang 2022 in Planung ist. Dann steht die Frage im Mittelpunkt, wie die Erstaufnahmeländer Italien, Griechenland und Spanien als zumeist Transitländer an den europäischen Außengrenzen auf die Zuwanderung von Flüchtenden reagieren.

Interessierte an einem zweiten Schulungsdurchgang Anfang 2022 können sich gern per E-Mail an netcoops@ibb-d.de an das IBB e.V. wenden und sich vormerken lassen.

Weitere Informationen über das Projekt netcoops finden Sie hier.