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Internationales Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund

Spenden-Verdopplungsaktion der Bethe-Stiftung füllt weiße Flecken auf der Landkarte der Erinnerung

Spenden-Verdopplungsaktion der Bethe-Stiftung füllt weiße Flecken auf der Landkarte der Erinnerung

Im Lern- und Gedenkort Jawne in Köln stellen das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk gGmbH in Dortmund und die Bethe-Stiftung Köln am Montag, 16. März 2026, neue virtuelle Zugänge zur Holocaust-Forschung- und -Erinnerung der Geschichtswerkstatt „Leonid Lewin“ Minsk vor.

„Durch die 2025 erfolgte Rekonstruktion der Geschichtswerkstatt „Leonid Lewin“ Minsk bleibt ein einzigartiger historischer Lernort dauerhaft erhalten. Nun geht es darum, durch eine neue Dauerausstellung und digitale Angebote interessante Lernmöglichkeiten zur NS-Besatzung und zum Holocaust in Belarus für junge Menschen auch in Deutschland zu schaffen“, sagt Dr. Astrid Sahm, Geschäftsführerin der IBB gGmbH Dortmund.

„Wir betrachten es als unsere historische Verantwortung, die Erinnerung zu bewahren an die ungezählten NS-Verbrechen auf belarussischem Boden“, sagt Stifter Erich Bethe. „Wir möchten mit unserer Spendenverdopplungs-Aktion einen Beitrag leisten zur Erhaltung dieses international bedeutsamen Lernortes für junge Menschen.“

Die Spur des Kölner Lebensretters Erich Klibansky führt nun auch virtuell nach Minsk

Der Lern- und Gedenkort Jawne ist in besonderer Weise mit Minsk verbunden: Der Schulleiter des jüdischen Gymnasiums Jawne in Köln, Erich Klibansky, hatte nach der Reichspogromnacht 1938 insgesamt 130 Schülerinnen und Schüler nach England evakuiert. Einer dieser Schüler ist der heute 100-jährige Kurt Marx. Das Schicksal seiner Eltern und seines Schulleiters blieb für Kurt Marx fünf Jahrzehnte lang schmerzhaft ungewiss. Den ersten Hinweis auf die Deportation nach Minsk fand Kurt Marx erst 50 Jahre später durch die Recherchen des Kölner Ehepaars Dieter und Irene Corbach, das seit den 1980er Jahren in Eigeninitiative Fotos und Dokumente zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Köln zusammengetragen hatte.

„Ich musste dahin, das war für mich sehr wichtig“, schildert der heute 100-jährige in einer Videobotschaft. Erst durch eine Einladung des IBB konnte er zum ersten Mal nach Minsk reisen. „In der Geschichtswerkstatt habe ich auf einer Tafel die Namen meiner Eltern entdeckt“, schildert der in England lebende Zeitzeuge den bewegenden Moment. Bei seiner ersten Reise suchte er auch den Vernichtungsort Malyj Trostenez auf – damals ein abgelegenes Waldstück hinter einer Müllkippe. „Offenbar wollte keiner zugeben, dass es diese Verbrechen jemals gegeben hat“, vermutet Kurt Marx. Das IBB habe in den 2010er Jahren eine unerhört wichtige Arbeit geleistet mit seinem Engagement für die Entstehung eines würdigen Gedenkorts in Trostenez.

Die Bethe-Stiftung unterstützte bereits 2014 den Bau des zweiten Gedenkstättenabschnitts in Malyj Trostenez mit einer Spendenverdopplungs-Aktion. Weitere Förderung kam damals vom Auswärtigen Amt und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Auch dieses Mal möchte die Bethe-Stiftung eine Förderung des Auswärtigen Amts ergänzen, welche 2025 die Rekonstruktion des baufälligen historischen Gebäudes der Geschichtswerkstatt ermöglichte. „Nur dank dieser Unterstützung aus Deutschland konnte der ansonsten unvermeidliche Verlust der Geschichtswerkstatt vermieden werden“, betont Dr. Astrid Sahm.

Nach der für Sommer 2026 geplanten Wiedereröffnung wird erstmals auch der erhaltene historische Keller für die neue Dauerausstellung erschlossen. Er diente Jüdinnen und Juden während der deutschen Besatzung als Malina, als geheimes Versteck. Eine begehbare Glasscheibe ermöglicht künftig den Blick in das Untergeschoss, das zuvor nur über eine Bodenklappe und eine steile Leiter zugänglich war. Während der Bauarbeiten wurden dort auch Löffel, Teller und Schlüssel aus der damaligen Zeit entdeckt, die ihren Platz in der neuen Ausstellung finden werden.

„Die Geschichtswerkstatt „Leonid Lewin“ Minsk kann durch unser gemeinsames Engagement langfristig zukunftsorientierte Bildungs- und Forschungsarbeit zur Geschichte des Holocausts und anderer NS-Verbrechen in Belarus leisten. Wir hoffen im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur auf Spenden für diese wichtige Erinnerungsarbeit, mit der wir auch in schwierigen Zeiten Grenzen überwinden“, sagt IBB-Vorsitzender Rainer Schlief.

Über die Geschichtswerkstatt „Leonid Lewin“ Minsk:

Die Geschichtswerkstatt „Leonid Lewin“ Minsk ist heute ein zentraler Ort der internationalen Holocaust-Forschung in Belarus sowie eine Anlaufstelle für Überlebende des Holocaust, ihre Angehörigen und Geschichtsinteressierte.

2003 wurde die Geschichtswerkstatt in einem der letzten erhaltenen Gebäude des Minsker Ghettos am Rande des jüdischen Friedhofs eröffnet. Getragen wird die Geschichtswerkstatt gemeinsam vom Verband der jüdischen Gemeinden und Organisationen in Belarus, der IBB „Johannes Rau“ Minsk und der IBB gGmbH Dortmund. Im März 2020 konnte die IBB „Johannes Rau“ Minsk das Gebäude erwerben und dadurch als historischen Lernort sichern. Im Herbst 2024 begann die Rekonstruktion mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes. Das Gebäude wird zukünftig selbst wie ein Exponat behandelt und in die neue Dauerausstellung integriert.

Für Sommer 2026 ist die Wiedereröffnung der Geschichtswerkstatt geplant.

Aktuelle Informationen über die Spendenverdopplungs-Aktion finden Sie hier. 

Die digitale Materialsammlung der Geschichtswerkstatt „Leonid Lewin“ Minsk finden Sie hier.