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Internationales Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund

„Der Antisemitismus war nie weg“ – Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, eröffnet Tagung „75 Jahre nach Auschwitz“

„Der Antisemitismus war nie weg“ –  Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, eröffnet Tagung „75 Jahre  nach Auschwitz“

„Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz müssen wir ernüchtert feststellen: Der Antisemitismus war nie weg.“ Mit deutlichen Worten eröffnete Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, am Freitagabend (24.01.) die zweitägige Konferenz „75 Jahre  nach Auschwitz – Potentiale historisch-politischer Bildung an Gedenkstätten und Erinnerungsorten“ in der Evangelischen Akademie Villigst in Schwerte.

Tagung "75 Jahre nach Auschwitz - Potentiale historisch-politischer Bildung an Gedenkstätten und Erinnerungsorten" in Schwerte-Villigst.

Mehr als 100 Akteure der Erinnerungsarbeit sowie Lehrkräfte verfolgten am ersten Tagungstag inspirierende Input-Vorträge von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Prof. Dr. Astrid Messerschmidt von der Bergischen Universität Wuppertal.

Etwa 100 haupt- und ehrenamtliche Akteure der Erinnerungsarbeit und Lehrkräfte diskutierten an zwei Tagen, wie der Besuch historischer Orte der NS-Zeit vorurteilsbehaftete Haltungen aufbrechen und gegen Antisemitismus und Rassismus wirken kann. Denn: „Auch heute müssen wir uns erneut die Frage stellen, wie wir darauf reagieren, dass Menschen in unserem Land aufgrund ihrer Religion angegriffen, dass Anschläge auf Synagogen verübt und Friedhöfe geschändet werden, und das Wort „Jude“ zu einem gängigen Schimpfwort auf Schulhöfen geworden ist“, sagte Leutheusser-Schnarrenberger weiter. Deshalb sei es ihr auch ein besonderes Anliegen die historisch-politische Bildung als bedeutenden Aspekt im Einsatz gegen Antisemitismus zu würdigen.

„Mit fast 200 Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz und zu weiteren Mordstätten jedes Jahr ermöglichen wir nicht nur eine intensive Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte, sondern stellen immer auch die Frage, was dies für jeden einzelnen für die Gegenwart bedeutet“, sagte Peter Junge-Wentrup, Beauftragter für Gedenkstättenfahrten im IBB Dortmund (IBB gGmbH). „Zur Weitergabe der Erinnerung sehen wir uns verpflichtet.“

Diskutiert wurde vor diesem Hintergrund auch, wie zukünftig noch mehr Jugendliche für ein Lernen aus der Geschichte erreicht werden können: „Gedenkstättenbesuche sind oftmals mit der immensen Erwartung verbunden, bei jungen Menschen menschenverachtende und rassistische Haltungen aufzubrechen oder gar eine Immunisierung gegen diese zu bewirken“, sagte Tagungsleiter Michael Moser, Referent für politische Jugendbildung (Schwerpunkt „Demokratie stärken“) im Institut für Kirche und Gesellschaft. „Mir ist es wichtig, hier zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen. Durch kontinuierliche Kooperationen zwischen Fachkräften der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit können und sollten die Potentiale historischer Orte aus der Zeit des Nationalsozialismus für die Demokratieförderung genutzt werden.“ Über Chancen und Grenzen einer rassismuskritischen Bildungsarbeit referierte Prof. Dr. Astrid Messerschmidt von der Universität Wuppertal. Stefan Querl vom Geschichtsort Villa ten Hompel Münster berichtete über Zugänge des Lernens an Erinnerungsorten. Gerhard Schick vom WDR stellte das WDR-Projekt AR 1933-1945 als Beispiel für die Rolle der Augmented Reality in der historisch-politischen Bildung vor. In einem Workshop präsentierten Gedenkorte in Bonn, Dortmund und Münster ihr Bildungsangebot. Einen resümierenden Vortrag hielt Dr. Anke Hoffstadt vom Bildungswerk der Humanistischen Union. Außerdem berichteten Jugendliche über ihre Lernerfahrungen im Kontext der NS-Geschichte.

„Mit Tagungen wie dieser möchten wir einen Beitrag zur Netzwerkbildung leisten und einen fachlichen Austausch ermöglichen“, sagte Dr. Astrid Sahm, Geschäftsführerin der IBB gGmbH Dortmund. „Das gemeinsame Engagement ist auch im internationalen Kontext von wichtiger Bedeutung, wenn wir zu einer europäischen Erinnerungskultur beitragen wollen.“

Die Tagung wurde gemeinsam organisiert von der Evangelischen Akademie Villigst im Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen und dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk gGmbH in Dortmund.

Das IBB in Dortmund (IBB gGmbH) ist seit 2016 anerkannte Zentralstelle zur Förderung von Gedenkstättenfahrten des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Seit 2019 werden die Gedenkstättenfahrten im Rahmen des Bundesprogramms „Jugend erinnert“ aus Mitteln des BMFSFJ und des Auswärtigen Amts finanziert. Im vergangenen Jahr wurden 185 Gedenkstättenfahrten der außerschulischen Jugendarbeit durch das IBB gefördert (nach 139 Fahrten im Jahr 2018 und 91 Fahrten im Jahr 2017). Aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes werden Gedenkstättenfahrten außerschulischer Träger der Jugendarbeit bezuschusst. Diese Förderung erfolgt ergänzend zu den Programmen der Länder für schulische Gedenkstättenfahrten.

Foto oben: (v.l.n.r.) Peter Junge-Wentrup, Beauftragter für Gedenkstättenfahrten der IBB gGmbH Dortmund, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Antisemitismusbeauftragte des Landes NRW, Dr. Astrid Sahm, Geschäftsführerin der IBB gGmbH und Michael Moser, Referent für politische Jugendbildung der Evangeliscen Akademie Villigst im Institut für Kirche und Gesellschaft eröffneten die Konferenz. Fotos: IBB Dortmund – Stephan Schütze

Die Rede der Antisemitismusbeauftragten Sabine Leutheusser-Schnarrenberger finden Sie hier. 

Das Programm der Tagung finden Sie hier.

Weitere Informationen über die Förderung von Gedenkstättenfahrten finden Sie hier.