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Internationales Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund

Abschluss des transnationalen historischen Lernprojekts in Riga: Erinnerungskultur ist ein Prozess

Abschluss des transnationalen historischen Lernprojekts in Riga: Erinnerungskultur ist ein Prozess

Ganz ähnlich. Ganz anders. Die gemeinsame Studienfahrt nach Riga vom 8. bis 13. Juni 2022 öffnete den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Deutschland, Belarus und Österreich einmal mehr die Augen für die manchmal feinen Unterschiede in den Erinnerungskulturen. Die Studienfahrt war die letzte gemeinsame Aktivität im Langzeit-Projekt „Transnationales Lernen am Beispiel von Malyj Trostenez“ gefördert durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“.

Hatte sich die Gruppe seit Januar 2021 eingehender mit der belarussischen, deutschen und österreichischen Erinnerungskultur beschäftigt, wurde nun die lettische Perspektive auf die NS-Zeit und den Holocaust ergänzt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Belarus, Österreich und Deutschland trafen sich zum Projektabschluss in Riga.

Am Donnerstag, 9. Juni 2022, hatten Aliaksandr Dalhouski, stellvertretender Leiter der Geschichtswerkstatt „Leonid Lewin“ in Minsk, und Darija Fabijanic, IBB-Referentin für internationale historische Bildungsprojekte, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Riga begrüßt. Zur Einführung gab es einen Input über die Besatzungszeit in Belarus während des Zweiten Weltkriegs und die Bewahrung der Erinnerung in Belarus.

Die erste Exkursion führte am zweiten Tag ins Riga Ghetto Museum, das sich in einem ehemaligen Pferdestall am Rande des ehemaligen Ghettos befindet. Zu den Originalexponaten gehören das Kopfsteinpflaster der ehemaligen Hauptstraße des jüdischen Ghettos und ein im Original erhaltenes Gebäude aus dem Ghetto. Kleine Modelle zeigen alle Synagogen, die es in Lettland gab. Installationen stellen das Leben der Juden während der Besatzung dar.

Nach der Führung leitete Museumsdirektorin Julia Tereschenko einen Workshop, in dem sich die Teilnehmenden über ihre Erfahrungen mit dem Thema Holocaust austauschten. Ihre Beweggründe für die Beschäftigung mit dem Thema sind unterschiedlich: Einige nähern sich dem Thema Holocaust aus wissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive. Andere wollen verstehen, wie Menschen zu solchen Grausamkeiten fähig sind und ob es Möglichkeiten gibt, solche Tragödien in Zukunft zu verhindern.

Jüdisches Leben und die Besatzung Lettlands

Die nächste Station war das „Museum der Juden in Lettland“. Direktor Ilja Lenskis erzählte, dass die Menschen, die das Museum besuchen, vor allem etwas über den Holocaust erfahren wollen. Doch die Geschichte, das Alltagsleben und die Kultur der Juden böten in Wirklichkeit noch sehr viel mehr inspirierende und aufschlussreiche Informationen. Das Museum zeigt denn auch das Leben der jüdischen Bevölkerung vor dem 20. Jahrhundert, in der Zwischenkriegszeit und während der Besatzung.

Die Tafel verdeutlicht die Deportationen nach Riga.

Der Okkupation Lettlands widmet sich eine erst kürzlich eröffnete Ausstellung des Museums, die die Besatzung als Reise von der Dunkelheit zum Licht darstellt. In der lettischen Erinnerungskultur, so wurde der Gruppe klar, gilt nicht nur die deutsche, sondern verstärkt auch die sowjetische Besatzung als „dunkle Zeit“ der eigenen Vergangenheit. Art und Inhalt der Präsentation wurden später von den Teilnehmenden intensiv diskutiert.

Am nächsten Tag der Studienfahrt standen die historischen Orte im Mittelpunkt. Ilja Lenskis begleitete die Gruppe zunächst zum Bahnhof Škirotava, an dem die Deportationszüge aus Wien, Berlin und vielen weiteren Städten ankamen. Noch heute ist der Bahnhof in Betrieb, noch immer rollen Züge über teilweise dieselben Gleise. Doch Hinweise auf seine Bedeutung während der NS-Zeit finden sich nicht. Eine Leerstelle der Erinnerung. Was die Gruppe stattdessen entdeckte, war ein Denkmal mit erklärender Tafel, das an die sowjetischen Deportationen in Arbeitslager nach Sibirien erinnerte. Dies zeige, so die Gruppe, dass die sowjetischen Verbrechen sichtbarer sind in der lettischen Erinnerungskultur als die Verbrechen der Nationalsozialisten.

Der Bahnhof Škirotava ist heute noch in Betrieb.

Nächste Station war das ehemalige Arbeitslager Jungfernhof. Am historischen Ort ist heute ein kleiner Park, in dem kaum zu erkennen ist, was dort einst geschah – obwohl dort noch Ruinen und Teile der alten Gebäudestruktur erhalten sind. Erläuterungen sind kaum ersichtlich. Ilja Lenskis erklärte, dass aktuell ein Prozess stattfindet, um ehemalige Massengräber zu identifizieren.

Der Gang durch die Gedenkstätte.

Danach folgte der Besuch der in den 1960er Jahren entstandenen Gedenkstätte Salaspils am ehemaligen Konzentrationslager, die deutlich von der sowjetischen Memorialisierung geprägt ist. Dort befindet sich auch ein Informationszentrum, das ohne Personaleinsatz auskommt und sachlich über die Geschichte des Ortes erzählt.

Überlebensgroße Figuren in der Parklandschaft erinnern an die leidvolle Geschichte dieses Ortes.

Die stilisierte Menora „wurzelt“ in den Natursteinen  am Erinnerungsort Rumbula.

Die Gedenkstätte am Erinnerungsort Rumbula ist den Opfern einer zweitägigen Vernichtungsaktion des Riga Ghettos gewidmet. Am Ort selbst steht auf einem symbolisierten Davidstern eine meterhohe Menora umringt von Natursteinen, die die Opfer symbolisieren. Auf den Linien des Davidsterns sind die Straßennamen des Riga Ghettos zu sehen. Nach der Umgestaltung des Denkmals wurde ein alter Gedenkstein aus sowjetischer Zeit erhalten, beschriftet in lettischer, russischer und jiddischer Schrift.

Der Weg zur Gedenkstätte Bikernieki erinnert an Malyj Trostenez im benachbarten Belarus. Die Natursteine symbolisieren die Opfer.

Die Gedenkstätte im Wald von Bikernieki.

Der Besuch des Waldes in Bikernieki war besonders beeindruckend für die Gruppe, da dieser Massenvernichtungsort sehr an Malyj Trostenez erinnert. Auch hier wurden die deportierten Juden massenweise ermordet.

Da nicht alle Opfer namentlich bekannt sind, wurden stattdessen symbolisch Steine aufgestellt, auf denen die Herkunftsorte erwähnt werden. So gibt es beispielsweise auch einen Stein für die Opfer aus Dortmund. Eine kürzlich eröffnete Ausstellung am Ort wurde mit Hilfe des Museums der Juden Lettlands auf Initiative der Volksgräberfürsorge erstellt. Dort wird auch über die Täter berichtet.

Am vierten und letzten gemeinsamen Tag ging es schließlich um das Leben von Žanis und Johanna Lipke, die Juden bei sich im Haus in einem Bunker versteckt und gerettet hatten. Lolita Tomsone, Direktorin des Zanis Lipke Museums, erklärte die Konzeption der Dauerausstellung, die durch den Einsatz von Spiegeln und Lichteffekten bestimmte Gefühle und Assoziationen zu wecken versucht. Zudem erzählte sie von Erinnerungsinitiativen in Lettland und auch von den Herausforderungen in der Erinnerungsarbeit. So wird nach ihrer Beobachtung der Zweite Weltkrieg und Holocaust immer noch oft als jüdisches Thema wahrgenommen, aber nicht als Teil der lettischen Erinnerungskultur. Sie selbst hatte sich dafür eingesetzt, dass in Gedenken an die Opfer von Rumbula an der Friedensstatue in Riga einmal jährlich Kerzen angezündet werden. Seit 2016 nehmen hunderte von Letten an dieser Aktion teil.

Am Nachmittag diskutierte die Gruppe ihre Eindrücke und wie anders doch in Lettland mit der Geschichte des Holocausts umgegangen wird. Einer der deutschen Teilnehmer merkte an, dass in Lettland ein Prozess zu beobachten sei, der offensichtlich an vielen Stellen noch konfliktbeladen ist.

Die Lerneffekte im Langzeitprojekt und auch eine kritische Selbstreflexion waren dann Thema der letzten Podcast-Folge, die in Kürze veröffentlicht werden soll.

Den Podcast „Malyj Trostenez: Gemeinsam erinnern“ finden Sie überall, wo es Podcasts gibt, z. B. hier:

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Alle Fotos: Yana Bondar